ganz-Oldenburg.de – DAS Stadtmagazin im Internet
ganz-oldenburg.de –
DAS Stadtmagazin im Internet
 
ganz-oldenburg.de – DAS Stadtmagazin im Internet
»Berichte
»Kurzmeldungen

Schweigen hilft nicht weiter

13.11.2016, 17:19 Uhr

Fachtagung zu Zivilcourage im Internet

von Carsten Lienemann

Jugendliche müssen ihre eigene Identität finden. Sie probieren verschiedene Persönlichkeiten aus und ziehen Rückschlüsse aus den Reaktionen von Klassenkameraden, Freunden, Eltern. Das ist nicht erst mit dem Internet gekommen, das war schon immer so. Neu ist allerdings, dass die Identitätsfindung heute auch über Whatsapp, Instagram und Facebook ausgetragen wird und einmal gemachte Fehler für alle sichtbar festgehalten werden.

Für den Nachmittag des 11. November hatte der Zusammenschluss der kommunalen Präventionsräte im Nordwesten (»PrimA«) zu der Fachtagung #einmischen – Zivilcourage im Internet« geladen. Die Veranstaltung in der Graf-Anton-Günther-Schule in Oldenburg ist Teil der aktuellen PrimA-Kampagne »PrimA Challenge – Misch Dich ein«, die noch bis zum Jahresende läuft.

»Als wir unsere Kampagne starteten, war Zivilcourage im Netz noch kaum ein Thema, heute ist es in aller Munde«, sagte die Geschäftsführerin des Präventionsrates Oldenburg, Melanie Blinzler, zur Begrüßung der Teilnehmer_innen. Die Zunahme an menschenverachtendem Hass sei nicht zu übersehen, Mitläufer und Gaffer gebe es auch im Netz. »Wir wollen für Diskussion sorgen und die Zuschauenden zum deeskalierenden Eingreifen ermutigen, wenn die Grenze zum Menschenverachtenden erreicht oder gar überschritten ist.«

Zu Beginn standen drei Workshops auf dem Programm: Unterstützt von Hermann Lampen, Präventionsbeauftragter der Bundespolizeiinspektion Bad Bentheim, diskutierte Benjamin Fokken über seine Erfahrungen als Mobbing-Opfer und seinem Weg heraus. Bedrohungen und Straftaten. Edwin Krüger, Präventionsbeauftragter der Polizeiinspektion Nordenham, sprach über den Umgang mit Bedrohungen und Straftaten in Fällen von digitaler Gewalt, und Moritz Becker von smiley e.V. beschäftigte sich und seine Teilnehmer_innen mit Online-Konflikten als Herausforderung für Bildung und Erziehung.

Den Abschluss bildete wiederum Moritz Becker mit einem Vortrag mit dem Titel »Whatsapp, Instagram und Facebook: Was geht uns das an?«

Ohne Beamer und Mikrofon hält Becker seinen Vortrag, der eigentlich schon mit der Einleitung endet. Danach reiht er einfach zahlreiche Anekdoten aneinander. Und doch benennt er Probleme, bringt Konflikte und ihre Ursachen auf den Punkt, und vor allem zeigt er seinem Publikum, wie die ausgewählten (oder ausgedachten?) Beispiele aus der Sicht der betroffenen Jugendlichen aussehen. Auch die Lösungen und Empfehlungen kommen scheinbar nicht von ihm, sondern von den Protagonisten seiner Geschichten. 

»Jugendliche sind unbekümmert und neugierig, sie probieren aus, was geht.« Und das mit einem Medium, das sie zwar bedienen können, über dessen vielschichtige Funktionen sie aber kaum etwas wissen. »Das ist so, als würden wir ein elfjähriges Kind ohne weitere Vorkenntnisse auf den Pilotensitz eines Jumbojets setzen«, so Becker. Er legt nahe, in kleinen Schritten vorzugehen. An erster Stelle könnte z. B. ein Familien-Smartphone stehen, mit dem man auch Dreijährigen schon zeigen könne, wie man Grüße und Fotos mit der Oma austausche. Ältere Kinder und Jugendliche sollten von ihren Eltern nicht kontrollierend, sondern interessiert und mit viel Vertrauen beim Erkunden der sozialen Medien begleitet werden. 

»Im Scheitern liegt die Möglichkeit zu lernen«. Viele Jugendliche merken von ganz allein, dass sie ihr Verhalten ändern müssen, wenn zum Beispiel die Schulnoten schlechter werden. Und sie finden wunderbare Strategien, von denen Becker einige nennt. Darum: »Das Handy wegzunehmen muss ein Notprogramm sein, das man immer wieder überprüft.«

Becker erläutert auch das soziale Gefüge einer Schulklasse. »Ungefähr drei sind die Coolen, drei weitere sind mal cool, mal nicht, der oder die Unbeliebte, die Normalen, die bestimmen, wer cool ist, und die ›Egalen‹, um die sich niemand kümmert.« Gerade die letztgenannten wären auch gerne cool, aber wenn sie den Coolen nacheiferten, würden sie nicht anerkannt, sondern vorgeführt. »Wenn wir ihnen dann noch sagen: ›Es ist doch egal, was die anderen von dir denken‹, ist das die nächste Niederlage, denn es ist gerade für Heranwachsende natürlich nicht egal, was andere über sie denken«, sagt Becker.

Und was hat das Ganze mit Zivilcourage im Internet zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Wer genauer hinschaut, kann aber erkennen, dass es letztlich immer um Anerkennung geht. Nicht nur Jugendliche, auch Erwachsene brauchen gelegentlich Bestätigung. Wenn sie keine bekommen, können sie zu Mitläufer_innen oder gar zu Täter_innen werden. Das Selbstbewusstsein im jugendlichen Alter zu festigen, ist vergleichsweise einfach. Die Reparatur im Erwachsenenalter ist wesentlich schwerer. Aber Schweigen hilft nicht weiter, und Aufgeben ist keine Lösung.
nach oben