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Lob von allen Seiten

17.11.2014, 21:57 Uhr

Fachtag zieht Bilanz zum MUT-Projekt

von Carsten Lienemann und Edda Hayen

Mit einem »Fachtag zum Austausch über Konzeption, Prozesse, Erfahrungen und Ergebnisse des Oldenburger Modellprojektes ›Migration und Theater‹ (MUT)« wurde nach drei Jahren erfolgreicher Arbeit Bilanz gezogen. Hochkarätige Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Niedersachsen und darüber hinaus waren am Freitag, 14. November in das Internationale Jugendprojektehaus an der Schlieffenstraße gekommen, um Vorträge zu hören und Erfahrungen auszutauschen.

Sieben Kinder- und Jugendtheatergruppen in fünf Stadtteilen hatten sich über drei Jahre hinweg mit Migration beschäftigt. Allerdings stand das Thema nicht plakativ im Vordergrund, die Jugendlichen haben sich vielmehr in jedem der drei Jahre einen Aspekt herausgegriffen, der alle Spielerinnen und Spieler angeht: Was bedeutet es, sich auf den Weg zu machen? Wie ist es, unterwegs und auf der Suche zu sein? Was ist »ankommen«?

Schon die Grußworte waren voll des Lobes: Heike Fliess vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur bezeichnete das MUT-Projekt als »Pionierarbeit mit hohem Innovationsgrad für nachhaltige Wirkung«. Die Einbindung heterogener Gruppen sei in den verschiedenen Stadtteilen gut gelungen. Mehrere Auszeichnungen, darunter der Sonderpreis Sprachförderung der Kutscheit-Stiftung, sprächen für sich.

Daniela Koß von der Stiftung Niedersachsen konnte krankheitsbedingt nicht selbst sprechen, ihr Grußwort verlas Ute Bommersheim vom Blauschimmel-Atelier. Koß hob die Begegnung der Kulturen auf der Bühne und die Möglichkeit für die Jugendlichen, ihre Stücke selbst zu gestalten, besonders hervor.


»Um eine Sache zu verstehen, muss man sie aus mindestens drei Perspektiven betrachten.« Mit diesem Leonardo da Vinci zugeschriebenen Zitat kündigte Moderator Uwe Fischer drei Vorträge an, die eben das leisten sollten: das MUT-Projekt aus drei Richtungen betrachten.

Als Politiker sieht der SPD-Landtagsabgeordnete Ulf Prange kaum einen besseren Zugang zur Integration. »Alle Sinne werden angesprochen, das Theater vereint viele künstlerische Sparten und bringt Menschen verschiedener Kulturen zusammen.«

Aus wissenschaftlicher Perspektive warf Prof. Rudolf Leiprecht einen Blick auf die vergangenen drei Jahre. »Menschen mit Migrationshintergrund sind bald in der Mehrheit«, so Leiprecht. Um so wichtiger sei es, dass sich entsprechend viele von Ihnen im Bildungssystem wiederfinden. »In Projekten wie ›MUT‹ holen sie sich das notwendige Selbstbewusstsein, um auch in Schule und Studium erfolgreich zu sein.«

Für die Pädagogik sprach Prokjektleiter Jörg Kowollik. Er schilderte den Aufbau des Netzwerkes, das die Kinder- und Jugendtheatergruppen des Vereins Jugendkulturarbeit bilden und aus dem das MUT-Projekt entstanden ist. Er sprach über Konzepte und Kalkulationen, gute Unterstützung durch Kulturamt und Rat der Stadt, aber vor allem darüber, wie es gelungen war, die Migration bei der Erarbeitung der Stücke in den Hintergrund zu verschieben und es trotzdem zum Hauptthema zu machen.

Quasi als Zugabe folgten zwei weitere Perspektiven. Selbst die für ihren kritischen Blick bekannte Farah Melter fand bei »MUT« kein Haar in der Suppe und kündigte gar an, es als positives Beispiel anzuführen. Christiane Cordes, Leiterin des Kulturamtes, begründete ausführlich, was der Stadt an diesem Projekt liegt und warum sie es so tatkräftig unterstützt hat.

Endlich kam auch die Zielgruppe zu Wort, vertreten durch Aycin Akbayir, die selbst in der Gruppe Rollentausch gespielt hat. Sie brachte es sehr kompakt und verständlich auf den Punkt: »Migration? Die haben wir doch immer im Kopf, aber gleichzeitig haben wir alle unsere persönlichen Probleme. Wir haben Stücke entwickelt, dabei andere Kulturen kennen gelernt und Selbstvertrauen gewonnen. Ich habe dabei auch mein Interesse für Mediengestaltung entdeckt und eine Ausbildung in dieser Richtung begonnen.« Aycin Akbayir hat außerdem eine Kindertheatergruppe mit geleitet und an internationalen Austauschtreffen teilgenommen. In der anschließenden Podiumsrunde betonte sie nochmal, ihr sei »bis heute nicht klar gewesen, dass das MUT-Projekt derartig viele Aspekte hat. Wir haben einfach nur Theater gemacht«. 

Was ist das wichtigste Ergebnis des dreijährigen Projektes? Für die Integrationsbeauftragte Ayça Polat ist es die Möglichkeit, Jugendliche aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen zusammenzubringen. »Hier können Jugendliche, die auf anderen Gebieten ›versagt‹ haben, eine wichtige Rolle spielen und Selbstvertrauen erlangen«, so Polat. Für den Politiker Ulf Prange ist das entstandene Netzwerk wertvoller als die Summe seiner Bestandteile. Das Dauerhafte, die Möglichkeit, auf neuen Gebieten etwas zu erreichen, die Qualifizierung sind weitere Punkte. Theaterpädagoge Jörg Kowollik hält die Nachhaltigkeit und die Verstetigung für besonders wichtig.

Die vielen Jugendlichen, die in über 100 Aufführungen mitwirkten, haben ganz nebenbei auch rund 10.000 Zuschauerinnen und Zuschauer erreicht, von denen manche ansonsten keinen Bezug zum Theater haben. Und weil es nur wenig Anlass zu Kritik gab, ist eine von allen Seiten gewünschte Fortsetzung vorgesehen. »MUT plus« soll das Projekt heißen, und dabei wird das »M« nicht für Migration stehen.
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