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»Streitschlichtung lebt von Erfahrungen«

07.03.2014, 00:46 Uhr

Mehr als 330 Schülerinnen und Schüler beim
8. Streitschlichtertag

von Carsten Lienemann

Bei Konflikten unter Schülern können Mitschüler meist besser vermitteln als Erwachsene. »Gleichaltrige sprechen die gleiche Sprache, verstehen die Probleme besser und werden von den Streitenden eher akzeptiert«, sagte Eckhard Wache, der Vorsitzende des Präventionsrates Oldenburg (PRO), zur Begrüßung der Streitschlichterinnen und Streitschlichter aus Oldenburg und dem Ammerland. Streitschlichtung lebe von Erfahrungen, darum biete dieses Forum schon zum achten Mal die Möglichkeit zum Austausch und zur Weiterbildung, die offenbar gerne wahrgenommen werde.

»Die Zahl der Straftaten im schulischen Bereich ist deutlich zurückgegangen«, berichtete Polizeipräsident Johann Kühme. »Das geht sicher nicht ausschließlich auf die Arbeit der Schülerstreitschlichter zurück, aber zum guten Teil.« Die große Zahl der Teilnehmer sei beeindruckend, so Kühme. »Diese Veranstaltung ist Straftatverhinderung pur«.

»In diesem Jahr haben wir vierzehn Schülerworkshops und zwei für Erwachsene, außerdem die Puppenbühne und das Antiaggressionstraining für Grundschüler, die zum zweiten Mal teilnehmen. Alle Workshops werden an diesem Tag zweimal angeboten«, erläutert Ulrike Heinrichs, Leiterin des mitveranstaltenden Oldenburger Fortbildungszentrums (OFZ) und stellvertretende Vorsitzende des PRO. »Die Themen, mit denen sich Schüler konfrontiert sehen, ändern sich im Laufe der Zeit. Mit dem Schülerstreitschlichterforum sind wir in der Lage, auf diese Entwicklungen zu reagieren und Fort- und Weiterbildungen für Schülerstreitschlichter anzubieten, die sich an deren Bedürfnissen ausrichten.«

Cybermobbing ist eine solche Entwicklung. Die Landesstelle Jugendschutz bietet dazu niedersachsenweit eintägige Veranstaltungen an Schulen an. Einen Ausschnitt davon zeigte Tanja Opitz in einem Workshop zu Gemeinheiten und Mobbing im Netz. »Es geht darum, sich in andere hineinzufühlen, festzustellen: Was macht das mit mir, was ist normal und was ist beleidigend. Letztlich entscheiden die Betroffenen selbst, was sie akzeptieren wollen und was nicht«, so Opitz.

Auch die übrigen Workshops (s. Veranstaltungsflyer) konnten aufgrund der begrenzten Zeit von je 90 Minuten nur kurze, aber wertvolle Einblicke in Projekte und Arbeitstechniken geben. ganz-oldenburg.de hat sich zwei von ihnen näher angesehen.

Im Workshop 01: Spiele zur Teambildung - Projekt »WIR sind stark«, durchgeführt von Margitta Kehmeier vom Jugendkommissariat der Polizeiinspektion Oldenburg/Ammerland und Burkhard Kreins, Lehrer am Gymnasium Eversten, soll u. a. gezeigt werden, dass Gewalt sehr subjektiv empfunden wird. Auch hier gilt: Der oder die Betroffene entscheidet, wo Gewalt beginnt. Selbstbewusstsein stärken, zu seiner Meinung stehen, andere Meinungen akzeptieren und dadurch das Vertrauen in der Gruppe und die Gemeinschaft verbessern, sind weitere Ziele dieses eigentlich zweitägigen Schulprojektes.
In einer Übung bekamen zwei Freiwillige die Aufgabe, in eine Gesprächsrunde aufgenommen zu werden. Die Gesprächsgruppen wiederum sollten die dazu Kommenden schlicht ignorieren. Zwar hatten die beiden Freiwilligen eine Ahnung, was ihnen bevorstand, trotzdem war die Situation für sie unangenehm, was auch daran zu erkennen war, dass sie die Zeitspanne ihrer Ausgrenzung deutlich überschätzten. Aber auch die anderen Workshopteilnehmer wussten, wie sich so etwas anfühlt und was es für Folgen haben kann: Einsamkeit, Schulangst, Depressionen bis hin zum Suzid auf der einen Seite, andererseits Veränderung der Persönlichkeit, Verleugnen der eigenen Vorstellungen, um den anderen zu gefallen.
»Wie viele Stühle brauchen wir mindestens, damit alle 19 Teilnehmer darauf stehen können?« Diese Frage sollte zum Abschluss geklärt werden. Die Schätzungen lagen zwischen 6 und 15. Tatsächlich waren es 8 Stühle, und das ist bei einer Gruppe, die sich kaum kennt, eine beeindruckend kleine Zahl.


»Förderung einer (interkulturellen) Klassengemeinschaft« lautet die Überschrift zu Workshop 02. Mit Hilfe von Zitronen zeigen Behice Şengün (Oberschule Eversten) und Bernd Munderloh (Studiendirektor a. D.), dass eine genaue Betrachtung erkennen lässt, dass es keine zwei gleichen gibt. Wenn man sich aber erst einmal die individuellen Merkmale vor Augen geführt hat, findet man die eine Zitrone unter Dutzenden wieder. Treibt man das Spiel noch weiter, indem man ihr einen Namen gibt und dazu eine Lebensgeschichte erfindet, wird die Zitrone beinahe eine Person mit vielfältigen Eigenschaften.
Die Interpretation dieses Spiels ist nicht schwer und gelingt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mühelos: Wir urteilen oft nach Äußerlichkeiten und erstem Ansehen und pflegen unsere Vorurteile. Wenn wir Menschen sehen, haben wir Erwartungen und sehen oft nur das, was wir sehen wollen. Erst wenn wir uns die Mühe machen, einen Menschen genauer kennen zu lernen, erkennen wir seinen besonderen Wert.
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