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»Kann es das denn gewesen sein?«

12.02.2014, 22:32 Uhr

INTERNET erfahren statt Gefahren - (Zwischen-)Bilanz nach einem Jahr

von Carsten Lienemann

Ziemlich genau ein Jahr ist die Kampagne »INTERNET erfahren statt Gefahren« gelaufen, passend zum Thema fand am 11. Februar, dem weltweiten Safer Internet Day 2014, die Abschlussveranstaltung statt. Merkwürdigerweise herrschte unter den Anwesenden im Alten Landtag aber eher Aufbruchstimmung. Zwar wurde Bilanz gezogen und einzelne Phasen noch einmal gesondert betrachtet, aber von Beenden war nicht die Rede, im Gegenteil.

Die Präventionsräte im Nordwesten hatten sich auf einzigartige Weise und ohne große Formalitäten zusammengeschlossen, um die erfolgreiche Kampagne zu starten. »Wir konnten Medienkompetenz vermitteln sowie Prävention und Kriminalitätsbekämpfung verbessern«, sagte Polizeipräsident Johann Kühme und dankte allen Beteiligten für ihre effektive Arbeit.

Eckhard Wache, Leiter der Polizeiinspektion Oldenburg/Ammerland und Vorsitzender des Präventionsrates Oldenburg (PRO), zeigte Verständnis für die Sorgen der Eltern. »90 bis 100 Prozent der Jugendlichen im Schulbus sind mit ihren Smartphones beschäftigt.« Angesichts der zahlreichen Warnungen in der Presse frage man sich: »Achten die auch auf alles?« Die Kampagne habe über Gefahren informiert und die Notwendigkeit von Kooperationen über Netzwerke hinaus gezeigt.

»Über die Präventionsräte im Nordwesten hinaus wurden mehr als 80 Kooperationspartner eingebunden und insgesamt deutlich über 100 Einzelveranstaltungen durchgeführt«, berichtete PRO-Geschäftsführerin Melanie Blinzler in Vertretung des LPR-Geschäftsführers Erich Marks, der zu seinem großen Bedauern ganz kurzfristig absagen musste. »Kann es das denn gewesen seien?«, fragte Blinzler eher rhetorisch und plädierte damit offen für eine Weiterführung der Kampagne. Sollte die Kampagne nach vier Quartalen unter jeweils eigener Überschrift - Soziale Netzwerke, Handy- und Smartphonenutzung, Computerspiele und Cybermobbing - einfach beendet werden?

Statt trockener Berichte mit vielen Zahlen gab es punktuelle Einblicke in das Kampagnenjahr. Der Sozialpädagoge Moritz Becker von Smiley e. V., der bei einigen Veranstaltungen dieser Kampagne selbst Referent gewesen war, führte Expertengespräche zu jedem Quartalsthema, griff Beispiele und Teilgebiete heraus und zeigte sich auch dieser Aufgabe bestens gewachsen.

Zwischen den Gesprächen zeigte das Junge Staatstheater Oldenburg unter der Leitung von Hanna Puka verschiedene Theater-Improvisationen, die sich lose am Thema Internet orientierten. Wesentlich mehr als einfach nur ein Pausenfüller, sondern sehr originelle und höchst unterhaltsame Improvisationen, die hier leider nicht einmal ansatzweise angemessen beschrieben werden könnten.

Quartal I: Soziale Netzwerke
»Hat sich die Bedeutung des Wortes ›Freundschaft‹ geändert?«, wollte Becker mit Blick auf die zum Teil sehr großen Freundeskreise vieler Facebook-Nutzer von Gundel Döhner wissen. Die Mitarbeiterin des Landesbildungszentrums für Hörgeschädigte Oldenburg verneinte. Die Jugendlichen könnten durchaus zwischen Bekannten, Facebook-Freunden und »echten« Freunden unterscheiden.
»Wir betrachten den Einsatz von Medien als Chance, wir nutzen sie in allen Fächern und beobachten eine erhöhte Motivation bei den Jugendlichen«, so Döhner weiter, die sich eine Fortbildung in Sachen Medienkompetenz für Eltern wünscht. »Bessere Medienkompetenz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, aber leider erreichen wir oft gerade die Eltern nicht, denen es an Erziehungskompetenz fehlt.«

Quartal II: Handy- und Smartphone-Nutzung
Dass viele Jugendliche ohne ihr Smartphone kaum noch auskommen, sieht Sebastian Nitsch von der Polizeiinspektion Delmenhorst/Oldenburg-Land/Wesermarsch nicht als problematisch an, solange sie noch Tätikeiten außerhalb der so genannten Neuen Medien wahrnehmen. »Pauschale Verbote sind keine Lösung. Besser sind sinnvolle Begrenzungen, und wir müssen ran an den Sachverhalt«, sagte Nitsch. Die Jugendlichen müssten über die Strafbarkeit von Beleidigungen und die Weitergabe von Fotos ohne Einwilligung der abgebildeten Personen unterrichtet werden, aber »nicht jeder Fall von Beleidigung muss über die Polizei laufen, solange die Beteiligten oder auch die Schule das Problem selbst klären können«, so Nitsch. Wenn es doch nötig sei, hätten alle Schulen Ansprechpartner bei der Polizei.

Quartal III: Computerspiele
Jan Krienke, Jugendschutzsachverständiger und Prüfer der Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle (USK) empfahl den Erziehungsberechtigten, Eltern-LAN-Veranstaltungen zu besuchen. »Auf LAN-Partys lernen Sie nicht nur, was Jugendliche beschäftigt, sondern auch etwas über sich selbst. Wenn Sie mit ihren Kindern über Computerspiele sprechen wollen, sollten Sie Ahnung davon haben.«
Von der USK werden meist nur Spiele beurteilt, die auf einem Datenträger verbreitet werden, reine Download-Spiele unterliegen nicht dieser Kontrolle. Ohnehin liegt der Reiz ja im Verbotenem, darum: »Tabus bringen meist nichts. Am besten betrachtet man die Spiele gemeinsam und redet darüber, auch über die Faszination«, so Krienke.

Quartal IV: Cybermobbing
Ebenso wie die Nutzung von Internet und Smartphones scheint auch das Mobbing ständig zuzunehmen. »Wir sagen in unserem Präventionspaket ›Chatten - aber sicher?!‹ immer wieder: Sicher ist im Internet gar nichts. Hier gilt wie sonst auch: Erst denken, dann schreiben«, sagte Kerstin Koletschka von Wildwasser Oldenburg. Aber auch Datensparsamkeit sei gefragt, je weniger Angriffsfläche, desto besser.
»Wir müssen aber auch die Empathiefähigkeit schulen. Anders als bei einer direkten Konfrontation gibt es bei Cybermobbing keine Rückmeldung, ich kann nicht erkennen, wie etwas bei der anderen Person ankommt«, so Koletschka. Ein dritter Punkt: Die Eltern sollten angemessen reagieren, sowohl bei allzu lockerem Umgang mit eigenen Fotos und Daten als auch bei Mobbing gegen das eigene Kind: »Überreaktionen lassen eine Situation oft eskalieren, zu heftige Vorwürfe verschließen Türen, statt eine Aufarbeitung zu ermöglichen.«


Als Fazit für diesen Abend hatte Moderator Moritz Becker vier Überschriften auf seinem Zettel:

Weniger vorschreiben, mehr reden
Ob es 500 Facebook-Freunde und 10 Kontakte sind oder umgekehrt, ist nicht entscheidend. Wichtig ist, dass Eltern, Schulen und sonstige Erzieher im Gespräch mit Jugendlichen bleiben. Verbote helfen nichts, damit verschließt man nur die Türen.

Nicht alles neu erfinden
Fast alles, was es in der realen Welt gibt, finden wir auch im Internet. Umgangsformen und Verhaltensregeln gelten hier wie dort.

Couragiert sein
Diese Kampagne ist bundesweit einzigartig, die Form der Zusammenschlusses und die Vielfalt der Angebote zeichnet sie aus.

Chancen sehen
Niemand will das Internet abschaffen, mit Verboten lässt es sich nicht eindämmen. Die Kampagne ist auf einem guten Weg.

Und damit ist eigentlich auch klar, dass es weiter geht. Oder?

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