ganz-oldenburg.de –
DAS Stadtmagazin im Internet
 
ganz-oldenburg.de – DAS Stadtmagazin im Internet
»Berichte
»Kurzmeldungen

»Welche Übermorgenstadt
brauchen unsere Kinder?«

12.10.2014, 22:45 Uhr

»- und was können wir heute für sie tun?«

von Carsten Lienemann

Die Kinder von heute bestimmen morgen über die Gesellschaft. Die dafür erforderliche Weisheit kommt nicht automatisch mit zunehmendem Alter, auch wenn der Volksmund diesen Zusammenhang nahelegt. Was können, was müssen wir tun, um Kindern alles mitzugeben, was sie als Gestalter einer lebenswerten Zukunft brauchen?

»Wir müssen ihnen Freiräume geben, in denen sie sich körperlich und geistig ausprobieren können.« Das sagt Dr. med. Eckhard Schiffer, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und Experte für Salutogenese. Mit seinem Vortrag begann die gemeinsame Fachtagung der Oldenburger Bürgerstiftung und des Präventionsrates Oldenburg (PRO) am 9. Oktober 2014 im PFL. Thema war Familienzeitpolitik und ihre Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern, wobei der Schwerpunkt auf dem kommunalen Anteil daran lag.

Stress, Erfolgsdruck, Verarmungsängste - der dadurch bedingte seelische Unfrieden wirkt sich selbstverständlich auch auf Kinder aus, so Eckhard Schiffer. »Bereits mit weniger als einem Jahr haben viele Kinder heute einen erhöhten Stresshormonspiegel. Das hat einen negativen Einfluss auf die Hirnentwicklung und ist eine der Quellen für ADHS.«

»Soziale, seelische und körperliche Gesundheit ist abhängig von Urvertrauen und Kohärenzgefühl. Beides kann nur entstehen,wenn ein Kind sich mit all seinen kreativen Leistungen und frei von jeder Bewertung angenommen fühlt«.

Im zweiten Vortrag des Tages entwarf Sozialpädagogin und Familien-Sozialtherapeutin Monika Placke vom Verein alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) die Utopie einer Übermorgenstadt, in der »alle eins, aber auch einzigartig sind. Familien sind durch ein Grundeinkommen abgesichert, die Menschen bekommen früher Kinder, die in altersgemischten Gruppen von hochqualifizierten, gut bezahlten Fachkräften beiderlei Geschlechts betreut werden.« Die Wirtschaft richte sich nach Familienanforderungen, Lernorte seien Lebensorte und ständen allen kostenfrei zur Verfügung. »Das Solidarsystem muss neu definiert werden, dann profitieren alle davon«, schloss Placke.


Runde Tische

Nach der Mittagspause wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst aktiv. An vier Runden Tischen diskutierten sie über Möglichkeiten und Maßnahmen, um die Situation von Familien zu verbessern. Die Ergebnisse werden in Kürze auf den Webseiten des PRO verfügbar sein, darum hier nur ein kurzer Überblick:

1. Salutogenese und Prävention
Die Basis für ein besseres Miteinander nicht nur der Kinder, sondern aller Menschen sind Kontakt, Wahrnehmung, Berührung, Begegnung, Achtung, Achtsamkeit und Wertschätzung; Protest, wo er nötig ist, aber auch Innehalten und Muße.

2. Alleinerziehende
Die Kinderbetreuung wird durch Soziale Großeltern, Ganztagsschulen oder Mehrgenerationshäuser durchaus erleichtert. Allerdings könnte die Koordinierung der Projekte verbessert werden, z. B. durch zentrale Anlaufstellen.

3. Gute Projekte
Mit besonderen Spielplätzen könnten Kindern unter 5 Jahren sich ausprobieren, ihr Körpergefühl und ihre Koordination entwickeln. Spielzeugschränke könnten Spielgeräte zum Ausleihen vorhalten. Die Stadt als Schulträger sollte berücksichtigen, dass Kindern durch den Besuch von Ganztagsschulen auch Freiräume verloren gehen, weil sie nicht mehr in Freizeiteinrichtungen kommen können. Freier Zugang für alle Kinder zu Schwimmbädern Bussen, Museen etc. wäre ein Fall von echter Teilhabe.

4. Familienzeitpolitik
Die Arbeitszeit unterliegt zwar nur bedingt kommunalen Regelung, trotzdem kann auch die Kommune als Arbeitgeber Teilzeitangebote machen. Mütter und Väter müssen die Wahlmöglichkeit haben, wann sie reduzieren und wann sie mehr arbeiten wollen. Jede Form von Arbeit am Menschen ist wertvoll und muss ideell und finanziell aufgewertet werden. Familien brauchen Anlaufstellen, die Informationen und Hilfen anbieten. Die Gemeinwesenarbeit leistet bereits gute Dienste, darüber hinaus wären Familienzentren sinnvoll, in denen alle Menschen mitarbeiten. Auch die Verkehrsplanung kann so ausgerichtet werden, dass Kinder wieder allein zur Schule und nach Hause gehen können und nicht mit dem Auto gebracht werden müssen. Familienzeitpolitik ist ein besonderes Problem, wenn eine Beeinträchtigung besteht. Betroffene Familien kommen in der Planung nicht vor.


Fazit

»Eine kinderfreundliche Stadt ist automatisch eine menschenfreundliche Stadt«, mit diesem Zitat fasste die sichtlich zufriedene PRO-Geschäftsführerin Melanie Blinzler die Ergebnisse des Tages zusammen.

»Im Sinne von ›Schau hin, sag was, Tu was‹ wollten wir nicht nur Vorträge anbieten, sondern auch mit den Anwesenden ins Gespräch kommen und erfahren, an welchen Stellen etwas getan werden kann.« Blinzler bedankte sich für die Hinweise aus den Diskussionsgruppen und und versicherte, dass die Ergebnisse an die Entscheidungsträger weitergegeben werden. »Ein kleiner Umbau scheint notwendig, manches wird Geld kosten, manches wird völlig ohne Geld gehen. Wichtig für uns alle ist, in unserem jeweiligen Umfeld immer wieder darüber zu reden, Hinweise zu geben und miteinander an Verbesserungen zu arbeiten.«
nach oben