– Adventszeit

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Eine Begegnung


Als sie die alte Frau auf der Parkbank sah, wollte Elisabeth auf der Stelle kehrtmachen, aber Hannibal, der alle Menschen liebte, seit sie ihn aus dem Tierheim befreit hatte, wedelte schon mit dem Schwanz und zog sie mit aller Kraft hinter sich her.
Nun, es war ja auch ihr Stammplatz, ihr Ruhepunkt auf dem täglichen Gang durch die Parkanlage. Hier saß sie und warf seine Spielente und schaute ihm zu, wie er vor Begeisterung Kopfstände machte. Er war mit so wenigem glücklich.
Elisabeth spürte einen ungewohnten Zorn in sich aufsteigen. Es kam nicht in Frage, dass ihr jemand die kostbare Stunde raubte! Sie setzte sich, ohne die alte Frau anzusehen, auf die äußerste Ecke der Bank und löste Hannibals Halsband.
Dies war sein Moment. Ein Ohr stand verwegen hoch, das Schlappohr zuckte über dem Auge, und der schiefe Eckzahn im Untergebiss blitzte im schwarzen Krausfell, dass man meinen musste, er lache, dann sauste er davon. Elisabeth sah ihm wie jedes Mal lächelnd hinterher, zärtlich und eine Spur eigensinnig.
Dass sie es gewagt hatte, einen Hund aufzunehmen, ohne die Mutter vorher gefragt zu haben. Wie sie über Besuchsverbot im oberen Stock und Schimpfnamen für Hannibal einfach hinwegging. Jahrelanges Training. Ein erworbenes Talent im Weghören und Übersehen von unangenehmen Dingen, die hauptsächlich mit der Mutter zu tun hatten. Bald würde sie überhaupt nichts mehr wahrnehmen.
»Was bist du für ein hübsches Kerlchen«, hörte sie eine Stimme neben sich und schaute unwillkürlich zur Seite. Die alte Frau streckte eine runzlige ringgeschmückte Hand nach Hannibal aus und tätschelte seinen Kopf. »Er hängt an Ihnen, nicht wahr?«, sagte sie mit fremdem Akzent und richtete ein Paar dunkle Augen auf Elisabeths Gesicht, lebhafte, hellwache Augen in einem Netz aus Falten und Linien, das auf ein beachtlich langes Leben schließen ließ.
Elisabeth wandte den Blick sofort beiseite, griff in die Manteltasche und schleuderte das Spieltier auf die Wiese. Hannibal stürzte hinterher, dass seine schwarzen Beine flogen.
»Ich habe auch einen Hund daheim«, sagte die alte Frau. »Ich vermisse ihn sehr.« Lassen Sie uns in Ruhe, dachte Elisabeth. Merken Sie nicht, dass Sie stören?
Ihr Parkbankfrieden zwischen Geschäftsschluss und dem Abendessen mit der Mutter zu Hause. Hannibals trommelnde Pfoten im Gras, seine lakritzfarbene Nase über der roten Ente im Maul, seine explodierende Freude am Laufen, am Leben. Nie lief Elisabeth mit, aber sie folgte ihm mit den Augen wie früher vom Fenster aus den Kindern auf der Straße, die kein Umgang für sie waren. In Gedanken rannte sie immer mit.
»Kommen Sie jeden Tag her?«, fragte die die alte Frau. Die Höflichkeit verlangte wohl eine Antwort.
»Ja«, sagte sie knapp.
»Um nach der Arbeit auszuspannen?«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Sie sehen müde aus. Was machen Sie?«
»Ich führe das Wollgeschäft meiner Eltern, das heißt, meiner Mutter. Nach dem Tod meines Vaters hat sie sich zurückgezogen.«
»Ganz allein? Oder haben Sie Geschwister?«
»Mit einer Halbtagskraft. Mehr können wir uns nicht leisten.«
»Wer sagt das? Ihre Mutter?«
Elisabeth sah die alte Frau erstaunt an. Woher wusste sie das? Und wie kam es, dass sie selber so bereitwillig antwortete? Vielleicht, weil sonst niemand nach ihr fragte.
Unvermittelt stand sie auf und rief den spielenden Hund.
»Entschuldigung, ich muss jetzt gehen.«
»Dann freue ich mich, Sie morgen zu sehen«, sagte die alte Frau und blickte mit schief gelegtem Kopf zu ihr hoch. Wahrscheinlich schmerzte ihr Nacken, aber das Lächeln! Bestimmt war sie zigmal älter als die Mutter, doch ihr Lächeln machte das Gesicht ganz weich und jung.
Wieso freut sie sich, dachte Elisabeth, als sie Hannibal anleinte. Die Mutter freute sich nie, wenn sie kam. Einmal solch einen Satz von ihr hören ..
. Sie grüßte und machte sich auf den Heimweg, seltsam angerührt und verwundert. Immerhin war ihr klar, dass sie die Begegnung auf keinen Fall erwähnen würde. Ihr oberstes Lebensprinzip, wenn sie denn eins hatte, war Vermeidung von Ärger und, da die Mutter ihr Leben bestimmte, von Ärger mit der Mutter.
Am nächsten Tag schaute Elisabeth schon von weitem nach der alten Frau aus. Dann sah sie ihre Haare. Sie hatte vergessen, wie ungebärdig die weißen Locken um den Kopf züngelten. Oder es fiel ihr erst jetzt richtig auf.
Elisabeth ließ Hannibal von der Leine und wäre am liebsten mit ihm um die Wette gerannt.
»Wie schön, dass Sie gekommen sind, mein Kind«, sagte die alte Frau, als sie vor ihr stand, und Elisabeth spürte den unbegreiflichen Wunsch, sie zu umarmen. Mutter und Tochter umarmten sich nie.
»Wie geht es Ihnen?«, fragte sie mit einer hellen, atemlosen Stimme, die sie gar nicht an sich kannte.
»Wunderbar!«, sagte die alte Frau. »Ich habe es geschafft: Ich darf heim. Mein Arzt hat es heute erlaubt.«
»Oh«, sagte Elisabeth und ließ sich auf die Bank sinken, plötzlich ganz kraftlos, wie erloschen.
»Ich bin so glücklich, ich kann an nichts anderes denken. Mein Hund, mein Haus, die Kinder und Freunde -«
»Und - wo ist das?« fragte Elisabeth, die sonst selten Fragen stellte, weil sie nicht aufdringlich erscheinen wollte.
»Weit weg«, sagte die alte Frau lachend. »In Süditalien. Ich war nur wegen der Operation hier. Meine Schwester hat mich so lange betreut.« Ihre Stimme schabte ein wenig auf dem R, was den Wörtern den fremden, melodiösen Klang gab.
Sie würde weggehen und nie wiederkommen.
Elisabeth schaute in die Landschaft des Gesichts neben sich. Ein weit gereistes Gesicht, dachte sie: viel erlebt und erlitten, aber noch immer offen, auf vieles gespannt. Die Mutter dagegen mit dem Leidenszug um den Mund, der wie eingestanzt war und die Tochter zwang, auf immer und ewig für sie da zu sein. Ihre Pflicht, da sie an des Vaters Statt lebte.
Geh nicht, dachte Elisabeth. Und wenn du gehst, nimm mich mit.
Die alte Frau stand auf, hob den Kopf und reckte ihr Wildvogelprofil in die Ferne.
»Heim«, sagte sie, »ich kann's kaum erwarten. Leben Sie wohl, Kind. Es war schön, mit Ihnen zu reden, auch wenn es nur kurz war. Die Leute hier sind Fremden gegenüber verschlossen, dabei bin ich Deutsche. Aber ich gehöre nicht mehr her.« Plötzlich beugte sie sich herab, als ob sie einer Eingebung folgte. »Warum besuchen Sie mich nicht in Palermo? Ich stehe im Telefonbuch, Luisa Rigatone. Meine Enkelin müsste im selben Alter sein.« Ein Nicken, ein Händedruck, »Ich würde mich herzlich freuen!«, und die kleine dunkel gekleidete Gestalt war in der Parkanlage verschwunden.
Elisabeth sah ihr nach und spürte Tränen aufsteigen. Himmel, nein, dachte sie, nur nicht weinen! Aber es drückte und schnürte im Hals, bis es schmerzte, dann brach es los. Sie weinte laut wie ein verlassenes Kind, voller Angst, Enttäuschung und Wut, zum ersten Mal in ihrem Leben.
Als sie viel später als sonst zurückfuhr, sah sie das Bild deutlich vor sich:
Mit Hannibal unterwegs nach Italien, seine Hundeohren wehen im Wind, der durch die offenen Fenster herein bläst, im Radio Musik, und ihre Augen im Rückspiegel: ein einziges Strahlen.


Die Oldenburger Autorin Isrun Lorenz hat uns freundlicherweise wieder eine bisher unveröffentlichte Kurzgeschichte zur Verfügung gestellt.

Bild: Angelina-Ströbel_pixelio.de

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Ein Fest der Liebe und des Friedens auf Erden

Wusstet ihr, dass die meisten Menschen an Weihnachten Selbstmord begehen?
Nein?
Dann besuchen Sie einmal die Internetseite neon.de, welcher das obige Zitat entnommen ist – dort klärt man Sie mit Vergnügen über die erhöhte Selbstmordrate an den Weihnachtsfeiertagen auf.

Wo wir schon mal von Weihnachten sprechen – ich kann noch eine weitere Internetseite empfehlen: gamona.de – hier haben Sie die Möglichkeit, einen Artikel namens »Papa, Mama, bekomme ich zu Weihnachten ein Killerspiel?« zu kommentieren und sich mit anderen Internetnutzern über die bewussten Spiele auszulassen.

Wissen Sie, es ist doch eine Schande – oder finden Sie es richtig, dass man im Zusammenhang mit Weihnachten über Suizidmethoden und Killerspiele debattiert?
Weihnachten, das sollte das Fest der Liebe und des Friedens auf Erden sein!
Sie finden mich altmodisch? Ich will Ihnen einmal etwas sagen: Ich bin altmodisch!

Anstatt sich die Friedensbotschaft zu vergegenwärtigen, schreiben heranwachsende Menschen unserer Zeit kalt lächelnd "Spielzeugpistolen" und "Horrorfilme" auf ihre Wunschzettel.
Und wenn sie dann das Jugendalter hinter sich lassen, erhängen sie sich am Heiligen Abend.
Meistens bringen sie sich um, weil sie einsam sind, sodass dann auch noch ein nervenzehrender juristischer Aufwand ansteht, um zu ermitteln, wer ihr beschauliches Erbe übernimmt.
Sie mögen mir widersprechen, aber in meinen Augen hat das mit Liebe und Weihnachtsfrieden wenig zu tun!

Es war eben doch alles besser früher!
Schauen Sie sich nur die etwas älteren Weihnachtskinderbücher an, die dokumentieren ja wohl am zuverlässigsten, wie man die Festtage früher zubrachte:
Die Leute wohnten in Försterhäusern, draußen war alles tief verschneit.
Die Försterkinder schauten aus dem Fenster und sahen dem Treiben der Rehlein und der Finklein und all der anderen Tiere zu, die nicht zum Weihnachtsbraten verarbeitet wurden.
Von der Küche her wehte der Duft von Zimt und Nelken, denn die Mutter backte komischerweise erst am Heiligen Abend.
Im Lehnstuhl saß der Großvater und rauchte sein Pfeifchen und wenn es keinen Großvater gab, dann zumindest eine Großmutter, die den andächtig lauschenden Kleinen von früher erzählte.
Der Vater hatte meist keine weitere Funktion als die Vögel zu füttern und den Jagdhund zu tätscheln, aber immerhin.
Anschließend versammelte man sich in der guten Stube um den Christbaum und stimmte »Morgen kommt der Weihnachtsmann« an.

Und heute? Die meisten Leute kennen nicht einmal den Text dieses zauberhaften Volksliedes! Er geht so:
Morgen kommt der Weihnachtsmann, / kommt mit seinen Gaben /
Trommel, Pfeifen und Gewehr / Fahn' und Säbel und noch mehr /
ja, ein ganzes Kriegesheer / möcht ich gerne haben!

Was hat uns noch gleich darauf gebracht?
Ein Fest der Liebe und des Friedens auf Erden? Ach ja, dass man Weihnachten früher viel mehr als heute als Fest der Liebe und des Friedens auf Erden verstanden hat.


Von Karl Kelschebach
Bild: _by_M.-Gro-mann_pixelio.de

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Der Wunschzettel


Anouschka stand wieder, wie jeden Tag, wenn die Dämmerung reinbrach, am Fenster und schaute traurig raus zum Firmament.
Ihre Eltern saßen am Kamin und beobachteten sie dabei ratlos.
Was sollten sie nur tun? Es war inzwischen Mitte Februar und ihre 7-jährige Tochter konnte die Enttäuschung über den fehlgeschlagenen Wunschzettel nicht überwinden. Der Weihnachtsmann hatte sie vergessen und keinen Wunsch erfüllt.

Wie jedes Jahr in der Adventszeit bastelten die Kinder Sterne in der Schule, backten Plätzchen mit ihrer Mutter in der großen Küche und schrieben Wunschzettel an den Weihnachtsmann.
Da Anouschka seit Sommer in die erste Klasse ging, konnte sie noch nicht so richtig schreiben.
Deshalb malte sie neben die Wörter Bilder deren Bedeutung die schön gezeichneten Buchstaben unterstrichen. Dieses Jahr hatte sie lange überlegt, was sie sich wünschen sollte.
Ihr Papa hatte ihr erklärt, dass man sich nicht sinnlos etwas wünschen soll, sondern das, was man auch gerne hätte.
Nur dann kann man sich auch wirklich darüber freuen. Nicht die Anzahl der Geschenke ist wichtig, sondern was man damit macht.
Der Weihnachtsmann sucht sich dann aus dem Wunschzettel genau das richtige aus.
Da Anouschka ein intelligentes Kind war und sie ihren Wunsch auf jeden Fall erfüllt bekommen wollte, schrieb sie einen Wunschzettel, der nur einen einzigen Wunsch enthielt, der zu realisieren war.

WUNSCHZETTEL

  1. 10 kg Schneeflocken mit Vanillegeschmack
  2. ein Paar Laufschuhe für einen Spaziergang durch die Milchstraße
  3. Hitzefrei im Januar
  4. einen Radiergummi, der singt, tanzt, rechnet und Gute-Nacht-Geschichten erzählt
  5. einen warmen Mantel für den frierenden Schneemann
  6. ein Hundebaby von unserem alten Husky Barry
  7. einen Ritt auf einer Giraffe
  8. ein Essen mit Schneewittchen und den 7 Zwergen
Voll Erwartung legte sie den Wunschzettel am 5. Dezember unter die Fußmatte vor der Haustür. An diesem Tag sammelte der Weihnachtsmann, ganz nach finnischem Brauch, die Zettel ein und suchte dann ein Geschenk für jedes Kind aus.

Anouschka lebte mit ihren Eltern und zwei Geschwistern in Nordfinnland.
Hier herrschte stets ein langer, kalter Winter, der aber häufig sonnige, schöne Tage mit sich mitbrachte.
Wenn im November der erste Schnee fiel, baute sie mit ihren Geschwistern und Papa einen großen Schneemann. Der stand dann meist bis Ende März im Garten und gehörte fast schon zur Familie.

Sein freundliches Aussehen erhielt er durch eine Karotte, die ihm als Nase diente.
Die Augen wurden durch zwei wunderschöne Kastanien dargestellt. Den Mund zierte ein alter rußiger Hanfstrick, der schon spröde war.
Als Knöpfe auf dem Bauch steckte Papa ein paar Tannenzapfen in die Mitte.
Da Anouschka nicht wollte, dass der Schneemann einen Sonnenstich bekam, holte Papa einen alten Hut aus der Werkstatt, den er früher zum Holzsägen trug.

Diesen Winter wurde es besonders kalt und überall sah man viel Rauch aus den Kaminen aufsteigen.
Auch der Atem der kleinen Vögel erzeugte die reinsten Nebelschwaden. Oft setzten sie sich bei einer Zwischenlandung zur Erholung auf den Schneemann.
Dabei verfehlte ein Vogel die Hutkrempe und stieß den steifen Hanfstrick so nach unten, dass der Schneemann richtig unglücklich aussah.
Als Anouschka am nächsten Morgen durch den glitzernden Schnee lief, knirschten die Eiskristalle laut und funkelten in allen Farben.
Auch den Schneemann bedeckte eine feine Eisschicht. Durch den Gesichtsausdruck und den frostigen Überzug glaubte sie, dass der Schneemann friert.
Doch ihr Papa lachte sie nur aus. Im Geheimen wollte sie dem Schneemann helfen.

Für den Weihnachtsmann begann der Frühjahrsputz früher, als für gewöhnliche Leute.
Er musste die ganze Unordnung von der Weihnachtszeit wieder beseitigen und das begann nach kurzer Pause im Februar.
Kaum hatte er alle Werkbänke beiseite geräumt fand er unter einem Tischbein einen Brief eingeklemmt.
Als er ihn öffnete, fiel ein Wunschzettel von einem kleinen Mädchen aus Finnland heraus.
Wie konnte er sie nur vergessen haben! Beim Durchlesen erkannte er sofort worin der einzige Wunsch bestand.

Anouschka wünschte sich einen Mantel für einen Schneemann. Doch Weihnachten lag fast 2 Monate zurück und er konnte doch unmöglich dieses Chaos hier liegen lassen.
Er überlegte kurz und ging dann schnell ins andere Zimmer, wo sich ein großes Fernrohr befand.
Kaum hatte er durchgeschaut, entdeckte er auch schon Anouschka, wie sie traurig am Fenster lehnte.
Ein schlechtes Gewissen überkam ihn. Konnte er dieses Kind so unglücklich sein lassen?

Nach ein paar Berechnungen kam er zu dem Schluss, jemand musste dort hin, aber nicht er.
In diesem Moment klopfte es an der Tür. Verärgert öffnete er die Tür und hereingehoppelt kam der Osterhase.
Er wäre gerade auf dem Weg vom Einkauf hier vorbeigekommen und wollte sich bei einem Glas Glühwein aufwärmen. Das kam dem Weihnachtsmann gelegen.
Er fragte Klopfer, wie er denn momentan engagiert sei.
Dieser erklärte ihm, dass er noch arbeitslos sei, da die Ostersaison erst ab Anfang März beginne.
Da schilderte der Weihnachtsmann dem Osterhasen seine Not und bat ihn, den Auftrag zu übernehmen. Gerne tat das Meister Lampe, wenn man ihm ein Gefährt zur Verfügung stelle.
Das war kein Problem, denn die Rentiere standen abrufbereit im Wald und kannten den Weg. Also sollte die Fahrt Morgen stattfinden.

Wie immer fanden sich die Rentiere Paarweise vor dem Schlitten ein und warteten ungeduldig auf das Startsignal.
Nach kurzer Einweisung in die Zügelführung und Lichtsignalisierung brausten die erfahrenen Zugtiere und der unerfahrene Kutscher los.
Der Osterhase hatte keine Ahnung, wie fest er die Zügel halten sollte.
Deshalb geschah es immer wieder, dass er in den weitschweifigen Bögen aus Angst zu fest zog. Es dauerte nicht lang und die Rentiere begannen vor Ärger über die grobe Behandlung zu bocken.
Beinahe wäre der Osterhase aus dem Schlitten gefallen, zumal er sowieso unter Höhenangst litt.

Anouschka sah verwundert zum Himmel auf. Im Zwielicht meinte sie einen Schlitten ganz klein am Horizont zu erkennen.
Sofort rief sie ihren Eltern zu: "Der Weihnachtsmann. Ich glaube der Weihnachtsmann kommt doch noch." Die Eltern liefen zu ihrem Kind und wollten sie beruhigen.
Dabei tauschten sie besorgte Blicke aus. Beim Rausschauen aus dem Fenster meinte die Mutter nur, es handele sich um die Lichter eines Flugzeuges. Anouschka wollte das nicht glauben :"Seit wann haben Flugzeuge mehr als zwei Lichter?". Ihre Mutter brachte Anouschka bald darauf ins Bett. Sie wollte am nächsten Tag mit ihr den Arzt aufsuchen.

Dem Osterhasen war übel.
Gleich bei der Ankunft musste er sich übergeben. Dann packte er den Mantel aus dem Geschenkpapier und zog ihn dem Weihnachtsmann über.
Dabei sah er den hässlich verrückten Hanfstrick.
Mit zwei Griffen hatte er ihn zurecht gebogen und an die richtige Stelle platziert. Als er die Karottennase sah bekam er Appetit, den er aber wegen der Rückreise zurückdrängte.
Das Geschenkpapier ließ er ordentlich zusammengelegt neben dem Schneemann liegen. Bei der wilden Fahrt wäre es sowieso aus dem Schlitten gefallen.
Der Auftrag war erfüllt. Zufrieden stieg er zurück in sein Gefährt und machte sich auf den Rückweg.

Am nächsten Morgen öffnete Anouschka den Fensterladen in ihrem Zimmer und sah die Überraschung.
Der Schneemann strahlte sie glücklich mit seinem schönsten Lächeln an.
In seinem blauen Mantel sah er stolz aus.
Noch im Schlafanzug stürzte Anouschka runter an die Haustür.
Ihren Papa zerrte sie am Ärmel in den Garten, um ihm das Geschenk zu zeigen.
Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen und hätte es für einen Trick gehalten, wäre da nicht das Weihnachtsgeschenkpapier gelegen.
Als er in den gefrorenen Schnee sah, konnte er die Spuren von einem großen Schlitten erkennen und vorne dran viele Hufabdrücke.


Autorin: Gerda Schmidt
gefunden www.weihnachtsseiten.de/weihnachtsgeschichten

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Denken Sie einmal drüber nach…


Neulich - und dass es gerade vor dem 2. Advent passieren musste, war echt passend, ich sollte ja noch eine Weihnachtsgeschichte schreiben - also samstags wollte ich, wie üblich, kurz vor Ladenschluss noch einige Besorgungen in meinem Supermarkt machen.
Ganz Oldenburg musste scheinbar kurz vor dem Schließen noch einkaufen, ich musste mein Auto in der letzten Reihe parken.
Während ich noch »na typisch« dachte, kam aus irgend einem Schatten ein Mann auf mich zu.
Ich musterte ihn einmal kurz von oben bis unten und dachte noch »bitte nicht auch noch hier«, als er auch schon zu sprechen anfing.
»Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Sie hier so anspreche, es ist mir selbst peinlich, aber – könnten Sie mir vielleicht mit etwas Kleingeld aushelfen?«
Ist man denn vor solchen Typen nirgends sicher? Mir kam wie so oft bei solchen Gelegenheiten die sprichwörtliche Galle hoch.
Ich bin ein Kerl mit 186 cm Augenhöhe, nicht unbedingt zierlich im Wuchs – diese Kerle kennen scheinbar keinen natürlichen Respekt.
Aber – die ausdrucksvolle Stimme des Mannes, überhaupt wie er so vor mir stand, gesund sieht anders aus, aber sauber gekleidet, »ich möchte mir etwas zum Essen kaufen«, seine Worte bettelten, aber nicht seine Augen.
»Okay«, sagte ich, »Bares gebe ich nicht, aber wenn Sie wollen, bringe ich Ihnen etwas mit. Etwas Geduld.«
»Darüber würde ich mich wirklich freuen«, sagte er. Na denn – drinnen im Markt wurde mir klar, dass ich ihn überhaupt nicht gefragt hatte, was er vielleicht essen möchte.
Ach was soll’s, wenn ich raus komme, ist er eh nicht mehr da. Euros zusammen schnorren, von morgens bis abends für - ?
Alk, Droge?
Mann, ich bin selbst nicht auf Rosen gebettet, ich bin tief davon überzeugt, dass Hartz oder Sozialhilfe bestimmt nicht dazu geeignet sind, einen halbwegs durchschnittlichen Lebenswandel zu führen, aber es reicht, wenn man das Geld nicht, in Amtsdeutsch, zweckentfremdet nutzt, so weit, dass man nicht zusätzlich betteln muss.
Nun hatte ich ja gesagt, dass ich etwas mitbringen wolle, wusste zwar nicht was, war aber auch felsenfest davon überzeugt, dass ich ihn nicht wieder sehe – ein echtes Dilemma.
Also habe ich eine große Dose Eintopf der etwas besseren Sorte ausgewählt – kann ich ja auch gut selber essen - Gang zur Kasse, raus auf den Parkplatz und wie erwartet: niemand war zu sehen.
Hatte ich mir doch gedacht – die Sachen in den Kofferraum verstaut – und da tauchte er wieder auf, aus irgend einem Schatten.
Eigentlich bin ich nicht auf den Mund gefallen, aber außer: »Wir haben gar nicht darüber gesprochen, was Ihnen vielleicht schmecken könnte, ich hab mal einen leckeren Hühnereintopf genommen, ist eine schöne große Dose«, fast um Anerkennung bittend hielt sie ich ihm entgegen.
Sein Mund sagte: »Ganz mein Geschmack, ich danke Ihnen sehr.«
Seine Augen sagten: »Danke« und er verschwand in der Dunkelheit.
Und ich dachte mir: Irgendetwas stimmt hier nicht, muss ich drüber nachdenken.


cis, © das internetkontor, Bild Gabi-Schoenemann_pixelio-2

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