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Tristan und Isolde über dem Kuckucksnest

07.10.2013, 09:36 Uhr

Neuinszenierung im Oldenburger Staatstheater vom Publikum begeistert aufgenommen

von Marlies Folkens

»Unbewusst. Höchste Lust!«, lässt Isolde ihre letzten Töne verklingen, senkt den Kopf und blickt zu ihrem toten Geliebten hinunter. Endlich löst sich der rätselhafte Tristan-Akkord nach Dur auf und verhallt unendlich zart im Orchester. Der Bühnenraum wird vollständig dunkel, der schwarze Vorhang senkt sich und im gleichen Moment bricht das sonst doch eher norddeutsch zurückhaltende Oldenburger Publikum in Jubelstürme aus. Was für ein Abend!

Eine kluge Entscheidung der Intendanz, die den zweihundertsten Geburtstag von Verdi und Wagner mit je einer Neuinszenierung zu feiern gedachte, mit Verdis »Otello« in der vergangenen Spielzeit zu beginnen, in der sich die Wagner-Produktionen im ganzen Land drängten. So konnte man mit »Tristan und Isolde« in die neue Spielzeit 2013/14 starten, wo sich allerorten die Verdi-Premieren häufen. Geeignete Sänger für die beiden Titelpartien von Wagners Musikdrama zu engagieren, wäre vermutlich sonst schlicht unmöglich gewesen. Es gibt nur eine Handvoll Sänger, die diese Partien stemmen können und noch weniger, die sie zudem auch noch zu gestalten vermögen.

Was für ein Glücksfall für Oldenburg, dass mit den beiden Rollendebütanten Melanie Maennl und Christian Voigt zwei solche Künstler gefunden wurden.

Melanie Maennl füllte das Haus mit ihrem warmem, bei aller ihr zur Verfügung stehenden Dramatik nie scharfem Sopran von den tiefsten Tönen der Verzweiflung bis hinauf zu einem strahlenden hohen C im Liebesduett des zweiten Aktes.

Christian Voigt, dem einen oder anderen Oldenburger Opernbesucher noch als Siegmund aus der Walküre in guter Erinnerung, meisterte mit Bravur den mit Recht als »Killerpartie« verschrienen Tristan durch klugen und umsichtigen Einsatz seiner angenehm baritonal gefärbten Tenorstimme. So hatte er im dritten Akt noch genügend Kraftreserven, um sich und damit auch das Publikum auf den hochgehenden Wellen der Emotionen aus dem Orchestergraben davontragen zu lassen.

Überhaupt, das Staatsorchester ... Unter Leitung von Generalmusikdirektor Epple lieferte es ein Paradebeispiel dafür, wie subtil und durchsichtig Wagner klingen kann, besonders, wenn man darauf bedacht ist, die Sänger auf einem Klangteppich zu tragen, sie aber niemals damit zuzudecken. Dabei gelang dem Orchester zudem die Gratwanderung, die langen Spannungsbögen zu halten, ohne je die Tempi zu verschleppen.

Wie inszeniert man den Tristan? Ist dazu nicht schon alles gesagt, was gesagt werden muss? Wenn eine Handlung so sehr in das Innenleben der Charaktere verlegt wird wie hier, wie stellt man das dar, ohne dass es langweilig für den Zuschauer wird? Welche Bilder muss man finden?

Bilder finden, das scheint das Stichwort, dass das Konzept von Regisseur Müller-Elmau meines Erachtens am besten trifft. Es ist nicht so, dass es eine einzige allgemeingültige Antwort auf die Frage anbietet, was Tristan bedeutet. Dem Zuschauer werden Bilder präsentiert, die Assoziationen wecken sollen, ohne ihm eine vorgefertigte Antwort überzustülpen. Dabei sind einige sicherlich leichter zu erfassen und zu deuten als andere.

Den Rahmen für diese Bilder bildet ein komplett schwarzer Bühnenraum. An einen halbdurchsichtigen Vorhang wird während des Vorspiels zum ersten Akt ein riesiges Bild des Vollmondes projiziert. Die Assoziation zu Lars von Triers Film »Melancholia« liegt nah, ist aber sicher nicht zwingend. Das Bild des Mondes wiederholt sich bei den Vorspielen zu Akt zwei und drei, wird aber immer weiter gebrochen - einmal verschwindet der Mond hinter Nachtwolken, dann wandelt es sich in die Spiegelung des Mondes auf einer Wasserfläche.

Der englische Begriff lunatic drängt sich ebenso auf: verrückt, irrsinnig. Das Bühnenbild des ersten Aktes erinnert dementsprechend auch an eine altertümliche Irrenanstalt mit fünf hohen Betten, jedes abgedeckt mit einem weißen Schleier und jedes für sich von einer einzelnen Leuchte erhellt. Verstärkt wird der Eindruck noch durch den Auftritt des Herrenchores, der an eine Gruppe von Ärzten auf Visite erinnert.

In einem der Betten warten Tristan und Kurwenal, die offenbar ebenso isoliert (oder gefangen) sind wie Brangäne und Isolde, der eine der Gazebahnen als Brautschmuck dient. Eines der Betten verbirgt Tristans Schwert, ein weiteres - quasi als Beweisstück - den abgeschlagenen Kopf von Isoldes Verlobten Morold. Wenn die Handlung Fahrt aufnimmt, dann entwickeln auch die Betten ein Eigenleben und werden wie von Geisterhand über die Bühne gezogen.

Nachdem Tristan und Isolde den vermeintlichen Gifttrank zu sich genommen haben, fallen alle Zwänge ihres Lebens von ihnen ab und sie beginnen wie irre (sic) zu lachen und herzumzualbern wie Teenager.

Für leichte Irritierung bei den Zuschauern sorgte der große schwarze Hund, der über die Bühne lief, sobald das Thema Tod greifbar wurde (auch in den beiden anderen Akten). In meinen Augen auch hier wieder ein Filmzitat: Der Grimm, ein Geisterhund, der dem, der ihn sieht, den nahen Tod ankündigt und wenn ich richtig liege sehr schlüssig.

Auch der zweite Akt findet wiederum viele starke Bilder: Isolde als Braut, die Schwarz trägt, die warnende Leuchte, die wie ein Pendel des Todes immer tiefer sinkt, Ritualmesser wie für einen Harakiri, die, in ein graues Tuch eingeschlagen, auf der Bühne bereitliegen. Mit Ihnen fügen sich Tristan und Isolde in ihrer Todessehnsucht Ritzwunden zu wie Jugendliche mit Borderline-Syndrom.

Wenn der »öde Tag zum letzten Mal« mit fahlgrünem Licht hereinbricht, dann verlieren Tristan und Isolde gleichsam den Boden unter den Füßen und verschwinden halb in einer Versenkung. Melot, Kurwenal, Brangäne betrachten das Geschehen wie Zuschauer vom Rand der Versenkung aus, während König Marke nach und nach die Insignien seiner Macht (Krone und Mantel) ablegt und es den Anschein macht, er wolle sich während seiner Klage zu den Liebenden gesellen. Nicht schlüssig ist in meinen Augen das Ende des zweiten Aktes, als Tristan Melot zu den Worten »Wehr dich, Melot!« umarmt. Kein Duell, kein versuchter Selbstmord, keine Verletzung - irgendwie bleibt dieses Ende in der Luft hängen.

Im dritten Akt ist Tristans Welt surreal verzerrt. Wieder ist eines der Krankenbetten zu sehen, diesmal allerdings sitzt ein bocksfüßiger Pan (der Hirte) darauf, und das in etwa vier Metern Höhe. Tristan ist blind, trägt einen blutigen Verband über leeren Augenhöhlen - ein Bild, das sehr an Ray Milland in »Der Mann mit den Röntgenaugen« erinnert. Dort sticht sich ein Wissenschaftler, der durch eine Droge eine Art Röntgenblick entwickelt hat, die Augen aus, weil er das Gesehene nicht mehr ertragen kann.

Der Zuschauer sieht das, was der geblendete Tristan wahrnimmt. Einzig Kurwenal und später Isolde scheinen real und können noch zu ihm durchdringen. Der Hirte in Pan-Gestalt belauert ihn wie eine Figur aus einem Albtraum. Alle später hinzukommenden Personen - Brangäne, Melot, der Steuermann, König Marke - tragen weiße Kittel und verschwimmen im Weiß des Bühnennebels.

Erst als Isolde den Geliebten wieder als lebendig wahrnimmt, sich von der Welt abwendet und den Liebestod anstimmt, senkt sich samtene Dunkelheit über die Bühne.

Eine Inszenierung, die in ihrer durchdachten Bildgewaltigkeit mehr Fragen als Antworten beim Zuschauer hinterlässt, ihn aber ohne Zweifel dazu bringt, sich mit dem Gesehenen auseinanderzusetzen.

Obwohl sie verlauten ließ, leicht indisponiert zu sein, war der großartigen Brangäne von Linda Sommerhage doch nichts davon anzumerken. Ihr warmer Mezzosopran trug von der ersten bis zur letzten Minute. Wunderbar auch ihr Wachgesang im zweiten Akt, auch hier wieder ein großes Kompliment an GMD Epple und das Oldenburgische Staatsorchester, die diese von der Dynamik her oft sehr heikle Szene wunderbar meisterten.

Peter Felix Bauer sang und spielte Kurwenal souverän, er war eher best buddy oder sidekick Tristans als sein Diener oder gar Knappe.

Benjamin LeClairs Bass erschien für die Rolle des König Marke nicht ganz voluminös und dunkel genug. Vielleicht war es aber auch der Premierensituation zuzuschreiben , dass er bei Markes Klage nicht ganz so sehr sein Herz in die Stimme legen konnte. Ebenfalls ein bisschen unter der Nervosität schien Ziad Nehme als Hirt und junger Seemann zu leiden, der insbesondere im Gesang des jungen Seemanns im ersten Akt ein wenig mit der Höhe zu kämpfen schien. Die anderen Sängerdarsteller boten eine solide Leistung: Paul Brady als Melot und Alwin Kölblinger als Steuermann.

Wie schon so oft zuvor, so auch diesmal: Ein besonderes Lob an die Herren des Chores und des Zusatzchores (Leitung: Thomas Bönisch), die als Seeleute im ersten Akt (leider leider fast ausschließlich aus dem Off) ihre Sache brillant meisterten.

Das Publikum bedankte sich bei den Solisten und dem Orchester mit frenetischem, langanhaltendem Jubel, in den sich ein paar Buhs mischten, als das Regieteam die Bühne betrat. Aber das gehört im Opernbetrieb ja inzwischen schon fast zum guten Ton.

Allen Opernbegeisterten sei diese Inszenierung jedenfalls wärmstens ans Herz gelegt. Von diesem gelungenen Tristan wird man in Oldenburg noch lange sprechen.


Foto: Andreas J. Etter
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